Warum fühle ich gar nichts

Ich fühle gar nix

„Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal geweint habe. Ich weine einfach nicht mehr."

Den Satz höre ich in meiner Arbeit als Coach regelmäßig. Und was dann passiert – wenn in der Begleitung auf einmal doch wieder Tränen fließen, die schon so lange da waren – das ist jedes Mal wieder bewegend. Nicht weil Weinen das Ziel ist. Sondern weil es zeigt: Da ist noch so viel. Da ist noch so viel Leben, das wieder raus darf.

Emotionale Kälte ist kein Charakterzug – sie hat eine Geschichte

Das Nicht-Fühlen kommt nicht einfach so. Es ist eine Überlebensstrategie. Die Frage ist nur: Wann hat das angefangen? Und – und das überrascht viele Menschen – war das überhaupt in deinem Leben?

Deine Vorfahren haben oft nicht fühlen dürfen – und das sitzt uns heute noch im System

Hier kommt das, was mich in meiner Arbeit immer wieder fassungslos macht – im besten Sinne.

Unsere Großeltern und Urgroßeltern haben Zeiten erlebt, in denen Fühlen schlicht nicht sicher war. Krieg. Vertreibung. Verlust. Armut. Situationen, in denen man funktionieren musste, weil das Überleben davon abhing. Da war kein Platz für Trauer. Kein Platz für Angst. Wer gefühlt hat, war verwundbar. Also hat das Nervensystem abgeschaltet – zum Schutz.

Das Problem: Dieser Schutz hört nicht einfach auf, wenn die gefährliche Zeit vorbei ist. Er gibt sich weiter an die nächste Generation. Oder die übernächste. oder die danach. Nicht weil jemand das so wollte, sondern weil sich diese Muster in uns einschreiben – ins Nervensystem, in die Familiengeschichte, auf epigenetischer Ebene.

Das nennen wir transgenerationales Trauma. Und das Apathie-ECHO® – dieses diffuse Gefühl von Taubheit, von Leere, von „ich bin irgendwie nicht richtig da" – ist eine seiner häufigsten Ausdrucksformen. Du trägst vielleicht die unverarbeiteten Gefühle deiner Vorfahren mit dir. Ohne es je so entschieden zu haben.

Nichts fühlen als Strategie aus deiner Kindheit

Neben dem, was über Generationen weitergegeben wurde, gibt es noch eine zweite Ebene. Dein inneres Kind.

Gerade hochsensible Kinder fühlen alles. Aber wenn Gefühle in der Kindheit immer wieder zu viel waren für das Umfeld, wenn Weinen nicht okay war, wenn Wut bestraft wurde, wenn Traurigkeit ignoriert wurde – dann trifft das Kind irgendwann eine Entscheidung. Nicht bewusst. Aber sehr real.

Ich fühle einfach nicht mehr. Dann bin ich nicht zu viel. Dann bin ich sicher. Dann werde ich geliebt.

Das war damals klug. Das war echter Selbstschutz. Und heute, als Erwachsene, spürst du vielleicht: Dieser Schutz kostet dich etwas. Er kostet dich die Verbindung zu dir selbst und zu anderen. 

Woran du das Apathie-Echo® erkennst

Es zeigt sich nicht immer als komplette Gefühllosigkeit. Oft ist es viel leiser:

🌀 Du funktionierst – aber du lebst nicht wirklich.

🌀 Du weißt, dass du jemanden liebst – aber du kommst nicht richtig ran. Als wäre da eine Glasscheibe zwischen dir und dem Gefühl.

🌀 Du bist körperlich anwesend, aber nicht wirklich da.

🌀 Du weinst nicht mehr – oder nur noch, wenn du ganz alleine bist.

🌀 Freude fühlt sich flach an. Nicht schlimm. Aber auch nicht lebendig.

🌀 Du bist viel im Kopf – planst, analysierst, organisierst – aber im Körper kaum.

🌀 Du fragst dich manchmal, wer du eigentlich bist, wenn du nicht gerade für andere funktionierst.

Wie du wieder ins Fühlen kommst

Dein System ist so viel widerstandsfähiger als du denkst. Und genau das darf es auch lernen – nach und nach, in sicheren kleinen Schritten: dass Fühlen nicht gefährlich ist. Dass eine Welle Traurigkeit dich nicht für immer mitreißt. Dass Wut durch dich durchgehen darf, ohne dass alles auseinanderfällt. Dass es sicher ist, wieder da zu sein.

Das passiert nicht von heute auf morgen. Und es passiert nicht durch Nachdenken allein. Es passiert durch Erfahrung – durch Momente, in denen du merkst: Ich habe gefühlt. Und ich bin noch da. ich bin in Sicherheit. Und da dürfen wir den Körper mitnehmen. 

Du bist nicht kaputt – du trägst gerade sehr viel

Gerade hochsensible Menschen sind oft besonders betroffen vom Apathie-ECHO®. Weil sie von Natur aus so tief fühlen könnten, musste der Schutzwall bei ihnen manchmal besonders hoch sein. Das Paradoxe: Die Menschen, die eigentlich am intensivsten fühlen könnten, sind manchmal am stärksten von sich selbst abgeschnitten.

Das ist kein Persönlichkeitsmerkmal. Das ist ein Muster. Und Muster können sich verändern – in deinem Tempo, mit der richtigen Begleitung.

Magst du wieder ins Fühlen kommen?

Ich begleite hochsensible Kinder, Jugendliche, Erwachsene und feinfühlige Familien dabei, alte Muster aufzulösen – die eigenen und die, die schon lange in der Familie weitergegeben werden. Ob für dich selbst, für dein Kind, oder weil du einfach weißt: Da ist irgendwas, das schon lange mal aufgelöst werden darf.

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Und wenn du reinhören möchtest: In Folge 25 des Sensitive Space Podcasts spreche ich über Hochsensibilität & Gefühle.

Ein wichtiger Hinweis: Nichts fühlen kann auch ein Zeichen von Depression sein

Wenn du dich in vielem hier wiedererkennst, möchte ich kurz innehalten und etwas Wichtiges sagen: Emotionale Taubheit und das Gefühl, nicht wirklich da zu sein, können auch Symptome einer Depression sein. Das ist kein Widerspruch zu allem, was ich hier schreibe – aber es ist wichtig, das im Blick zu haben.

Wenn du merkst, dass da mehr ist, dass du dich dauerhaft leer, antriebslos oder wie weggetreten fühlst, dann ist es sinnvoll, das therapeutisch abklären und begleiten zu lassen. Das ist kein Entweder-oder. Wir können gleichzeitig nach dem Ursprung schauen – nach den alten Mustern, nach dem, was vielleicht schon Generationen in deiner Familie mitgetragen wird. Aber du musst das nicht alleine tragen, und du musst nicht alleine herausfinden, was gerade los ist.

Hol dir Unterstützung. Beides darf nebeneinander existieren.

Übrigens – hochsensible Männer und Gefühle

Das Thema emotionale Taubheit betrifft natürlich nicht nur Frauen. Gerade bei Männern ist das Nicht-Fühlen oft noch tiefer eingegraben – durch gesellschaftliche Erwartungen, durch Generationen von „ein Mann weint nicht". Dem widme ich bald einen eigenen Artikel, weil es das verdient. Wenn du das nicht verpassen möchtest, abonniere gerne meinen Newsletter – oder hör in den Podcast rein.

Susanne Hillar

Hey, ich bin Susanne und unterstütze als Coach hochsensible Kindern, Jugendliche, Erwachsene & feinfühlige Familien. Wie schön, dass du da bist! ♡

https://www.susannehillar.de
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Warum fühle ich so intensiv